LinkedIn baut eine Meldefunktion für KI-Texte und verkauft dir die KI gleich mit
Seit ein paar Tagen testet LinkedIn eine Funktion, mit der du Beiträge und Kommentare als KI-generiert markieren kannst. Das läuft still ab, der Absender bekommt davon nichts mit. Der Melde-Grund trägt sinngemäß den Namen „seems like AI slop“, was für eine Plattform dieser Größe erstaunlich unverblümt ist.
Gleichzeitig sitzt zwei Klicks weiter der KI-Assistent, mit dem du deinen eigenen Beitrag umschreiben lassen kannst. Wir mussten das zweimal lesen. Die Plattform verkauft dir das Werkzeug und stellt dir daneben den Melde-Knopf für die Ergebnisse hin.
LinkedIn ist damit nicht allein
In derselben Woche hat Snapchat angekündigt, den Spotlight-Feed umzubauen. Menschengemachte Inhalte werden künftig bevorzugt, komplett KI-generierte abgestuft. Zwei große Plattformen, dieselben Tage, dieselbe Nervosität. Das macht die Sache interessanter als einen Einzelfall.
Warum wir es trotzdem nicht albern finden
Unsere erste Reaktion war Kopfschütteln. Nach ein paar Tagen sehen wir es differenzierter. LinkedIn misst mit so einem Button nicht, ob ein Text von einer KI stammt. Das kann niemand zuverlässig, auch keine Erkennungssoftware. Was gemessen wird, ist ob ein Text für Menschen leer wirkt. Und das sind zwei völlig verschiedene Dinge.
Ein Beitrag, der mit Claude oder ChatGPT geschrieben wurde und eine konkrete Beobachtung aus deiner Woche enthält, wird niemand melden. Ein Beitrag, der aus fünf glatten Absätzen über Führung im Wandel besteht, wird gemeldet, egal ob eine Maschine oder ein Mensch ihn getippt hat. LinkedIn bekämpft nicht KI. LinkedIn bekämpft Belanglosigkeit. Dass die Sache am Ende trotzdem nach Doppelmoral aussieht, bleibt aber ein Punkt, an dem sich die Plattform messen lassen muss.
Was das für deine Beiträge bedeutet
In unseren KI-Workshops kommt an dieser Stelle fast immer dieselbe Frage: Darf ich KI überhaupt noch benutzen, wenn Plattformen so etwas einbauen? Unsere Antwort ist ja, aber anders als die meisten es tun. Wer ChatGPT bittet „schreib mir einen LinkedIn-Post über Kundenbindung“, bekommt Text, den es in dieser Form tausendfach gibt. Wer stattdessen sein Meeting-Transkript, seinen Ärger über einen verlorenen Kunden und drei Sätze eigene Meinung reinwirft, bekommt etwas, das nur er haben kann.
Der Unterschied liegt im Rohmaterial, nicht im Modell. Wir sehen das in der Beratung ständig: Unternehmen wechseln von GPT zu Claude und wundern sich, dass die Texte immer noch nach nichts schmecken. Das Modell war nie das Problem.
Der Zeitpunkt ist kein Zufall
Anthropic hat Nutzungsdaten veröffentlicht, nach denen ein Blogpost im Chat durchschnittlich 13 Runden hin und her braucht. Dreizehn. Wer diese Runden nicht investiert, sondern beim ersten Entwurf auf „Posten“ klickt, produziert genau das Material, gegen das die Plattformen jetzt Knöpfe bauen. Und es sind viele. OpenAI kommt inzwischen auf über eine Milliarde aktive Nutzer, die allermeisten davon im Browser, mit einem Prompt und einem Copy-Paste.
Wir sind ehrlich: Wir haben selbst schon Beiträge veröffentlicht, bei denen wir uns die dreizehnte Runde gespart haben. Man merkt es meistens erst hinterher an den Zahlen.
Ob die Meldefunktion langfristig etwas bewirkt, wissen wir nicht. Sie ist bisher nur ein Test. Vielleicht wird daraus ein Waffenknopf gegen unbeliebte Meinungen. Vielleicht verschwindet sie in sechs Monaten wieder. Was sie heute schon leistet: Sie zwingt jeden, der auf LinkedIn schreibt, zu einer unbequemen Frage. Würde jemand deinen letzten Beitrag melden, wenn er dich nicht kennen würde?


